„Sind Fernreisen tabu?“

Um es gleich vorwegzunehmen: Fernreisen werden auch künftig nicht zum Tabu werden. Darüber waren sich die Teilnehmer der zweistündigen Podiumsdiskussion auf der Stuttgarter Reisemesse mit immerhin 270 interessierten Zuhörern im vollen Saal einig.

Doch die Diskussion zwischen Lufthansa-Umweltmanager Jan-Ole Jacobs, Forum-anders-Reisen-Geschäftsführer Johannes Reißland, Atmosfair-Chef Dietrich Brockhausen, GIZ-Tourismusexperte Klaus Lengefeld und weiteren Fachleuten verlief dennoch konträr.  

Derzeit habe der Tourismus am weltweiten Klimawandel einen Anteil von rund fünf Prozent, stellte Professor Stefan Gössling eine Studie der schwedischen Universität Lund vor. Davon kommen 40 Prozent durch den Flug-, 32 Prozent durch den Autoverkehr und 21 Prozent durch Hotels.

Das Problem dabei: Während die Klimagasemissionen insgesamt nach dem Szenario der Uni Lund weltweit sinken, steigen sie im Tourismus ohne Gegenmaßnahmen weiter an. In einigen Jahrzehnten werde allein die Reisebranche mehr CO2 verursachen als die Erde verkraften könne, so Gösslings Fazit.  

Der Lufthansa sei das Thema bewusst, sagte Umweltmanager Jacobs. Bis 2050 wolle die Airline denn auch ihre absoluten Emissionen trotz Verkehrswachstum um 50 Prozent reduzieren und setze dazu unter anderem auf Biosprit, effizientere Flugrouten oder Gewichtsreduzierung.

Wissenschaftler Gössling sieht dagegen nur noch begrenzte Möglichkeiten für klassische Flugzeuge. Die Effizienzsteigerung durch technische Innovationen werde immer geringer, die „größte Hoffnung“, der Biosprit, werde überbewertet.  

Für Forum-Geschäftsführer Reißland und Atmosfair-Chef Brockhagen ist es denn auch wichtig, die Urlauber über die Zusammenhänge aufzuklären. Wenn ein „ökologischer Fußabdruck“ von vier Tonnen CO2 pro Person und Jahr als vertretbar gelte, aber eine Fernreise mit fünf Tonnen zu Buche schlage, könne man diese einfach nicht jedes Jahr machen oder müsse die Folgen kompensieren, so die Meinung der umweltorientierten Touristiker.  

Kritisch sehen sie dabei vor allem das Engagement von großen Unternehmen wie Lufthansa oder TUI, die zwar die Kompensation anböten, aber die Zahlen klein rechneten und damit den Reisenden suggerierten, sie könnten sich für wenige Euro ein reines Gewissen erkaufen. TUI hat unterdessen bereits angekündigt, den Umweltrechner zur ITB zu überarbeiten.  

Doch bei allen negativen Auswirkungen dürfe man die Urlauber keineswegs auffordern zu Hause zu bleiben, sind sich die Teilnehmer einig. Denn die Gesamtbilanz des Tourismus ist allzu oft positiv, wie GIZ-Experte Lengefeld erläutert. So hat die GIZ jüngst untersucht, was passieren würde, wenn die Ankünfte auf Bali dauerhaft um 50 Prozent einbrächen.

Das Szenario: 300.000 im Tourismus Beschäftigte würden ihren Job verlieren, müssten großteils in die Landwirtschaft wechseln und würden dort unter anderem durch Urwaldrodung oder Palmölanbau höhere Emissionen verursachen als der gesamte Flugverkehr zur Ferieninsel.